WDR Zeitzeichen - Geburtstag einer Radiosendung

Shownotes

Seit dem 04.04.1972 erinnert das Zeitzeichen im Westdeutschen Rundfunk jeden Tag eine knappe Viertelstunde lang an historische Ereignisse. Und weil es in seiner langen Geschichte nur ein einziges Mal ausgefallen ist, hätte sich Wolfgang Meyer durch 18250 Zeitzeichen hören können, um sich gewissenhaft auf sein Zeitzeichen über das Zeitzeichen vorzubereiten. Er hätte also ein halbes Jahr lang 24/7 Zeitzeichen hören müssen. Zwar gilt er als gewissenhafter Kollege - aber ganz so penibel konnte er wohl nicht vorgehen. Aber wie entsteht so ein Zeitzeichen? Und hat sich die Betrachtung von Geschichte innerhalb eines halben Jahrhunderts verändert? Darüber haben wir mit ihm gesprochen - und mit unserem dienstältesten Kollegen: Hans Conrad Zander hat uns noch einmal erklärt, warum König Ludwig XIV. so furchtbar gestunken hat - und was sich an der Geschichte im Radio seit 1972 verändert hat.

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Wichtige Links: Das Zeitzeichen über 50 Jahre Zeitzeichen

Hans Conrad Zanders Klassiker aus dem Jahre 1972: Das Zeitzeichen "Der König stinkt"

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Die Geschichtsmacher 50 Jahre ZZ.wav

00:00:08: Intro Die Geschichtsmacher. Von Autorinnen und Autoren des Zeitzeichen.

00:00:25: Marko Nein, hier ist nicht der Westdeutsche Rundfunk. Hier sind...

00:00:28: Martin Die Geschichtsmacher mit Marko Rösseler...

00:00:33: Marko ...und Martin Herzog. Herzlich willkommen und alle zwei Wochen machen wir einen Podcast zu einer Sendung, die nennt sich das Zeitzeichen....

00:00:41: Martin Und wird produziert vom - wir raten es - Westdeutschen Rundfunk, für den wir normalerweise arbeiten...

00:00:47: Marko ...und auch für diese Zeitzeichen Redaktion. Und die Sendung Zeitzeichen erinnert jeden Tag an ein historisches Datum. Und heute haben wir unseren lieben Kollegen Wolfgang Meyer hier sitzn...

00:00:56: Wolfgang Ich freue mich darüber. Seit wann moderiert man sich so kross an, weil das nicht so 70er Jahre eher?

00:01:01: Martin Ja 70er? Frühe 70er!

00:01:03: Marko Aber so ist es. Wir machen eine Reise heute mit Dir in die 70er.

00:01:06: Wolfgang Geil, find ich gut.

00:01:07: Marko In das Jahr 1972. Richtig? Du hast ein Zeitzeichen zum Jahr 1972 gemacht.

00:01:14: Wolfgang Ja, zum Ersten, zum Ersten Zeitzeichen ever. Am 4. April 1972 lief das allererste Zeitzeichen, also am vierten April 2022, vor 50 Jahren.

00:01:26: Marko Ein wunderbares Jahr.

00:01:27: Martin Ein geiles Jahr.

00:01:27: Marko Ein richtig gutes Jahr - und zwar warum?

00:01:32: Martin Wir sind beide geboren worden. Genau. Martin und ich. Du bist ein bisschen...

00:01:36: Wolfgang Ich bin etwas älter. Ich war damals zwölf. Und wo war ich? Ich war in Hannover, in meiner Heimatstadt und habe was gemacht? Ich weiß es nicht. Ich glaube, ich habe mich damals tatsächlich schon für politische Debatten interessiert. Willy Brandt war Kanzler, und in dieser Zeit gab es auch diese Geschichte mit den Ostverträgen. Die haben mich tatsächlich schon interessiert. Mit 12 was für ein Nerd, wahnsinn.

00:01:57: Marko Du warst ein echt aufgeklärtes Kind.

00:02:00: Wolfgang Komischerweise habe ich mich dafür interessiert, damals tatsächlich.

00:02:02: Marko Du hast den Kniefall geübt=?

00:02:03: Wolfgang Kniefall war der später?

00:02:05: Martin Der war früher.

00:02:08: Wolfgang Was 72 war, war dieses konstruktive Misstrauensvotum. Ja, die Union wollte Rainer Barzel nach vorne bringen und ein Misstrauensvotum gegen Willy Brandt, das dann gescheitert ist. Spektakulär, wie wir heute wissen. An zwei gekauften Stimmen oder zwei oder drei weiß keiner mehr genau, wie viele es waren.

00:02:24: Martin Es war ein aufregendes Jahr. Es war das Jahr vieler RAF Anschläge einer ganzen Reihe. Die RAF, die Baader Meinhof Bande, wie das damals hieß, ist verhaftet worden im Frühjahr, im Sommer Olympische Spiele...

00:02:37: Marko Mit fiesem Attentat...

00:02:40: Wolfgang Mit dem Attentat auf die israelische Mannschaft. Wir hätten den Vietnamkrieg, das war eigentlich fast schon der Höhepunkt zu der Zeit 72 und die Gruppe Windows hat How do you do? Nana, nananananananana...

00:02:54: Wolfgang Das war der Tiefpunkt, glaube ich.

00:02:56: Marko Macht ja nichts .

00:02:58: Martin ein denkwürdiges Jahr, das in jedem Fall und dann eben das Jahr, in dem das Zeitzeichen das Licht der Welt erblickt hat. Jetzt kann man sich natürlich fragen bei all dem, was da in diesem Jahr passiert ist, wie kommt man auf die Idee, da irgendwie ein historisches, eine historische Radiosendung in die Welt zu rufen? Also wie es dazu gekommen?

00:03:17: Wolfgang Es gab einen Kollegen von uns, einen freien Mitarbeiter des Westdeutschen Rundfunks, der hieß Wolf-Dieter Ruppel. Der hat damals die Sendung "heute" geleitet. Das ist der Vorläufer dessen, was heute Morgenmagazin heißt

00:03:31: Marko Hörfunk oder Fernsehen?

00:03:31: Marko Hörfunk. Und das muss man sich vorstellen. Er saß also immer hinter der Scheibe in der Regie und hat sich immer Notizen gemacht. Aber wir können ihn selbst anhören. Das hat er mir nämlich mal in einem Interview erzählt.

00:03:42: O-Ton Ruppel Das war damals in der Zeit, wo die damals so genannte Heute Morgen Sendung lief, inzwischen Morgenmagazin und ich habe mir zu vielen Interviews, die wir gemacht haben, zu vielen Reportagen habe ich mir einfach kleine Zettel Notizen gemacht und das fanden wir schon sehr spannend. Meinetwegen einen Thomas Mann aus den letzten Kriegsjahren über diese Brücke Amerika, BBC, Deutschland...

00:04:05: Thomas Mann Deutsche Hörer! Was ich euch aus der Ferne zu sagen hatte.

00:04:11: Ruppel Oder wir haben mit ganz bestimmten Reichstags-Debatten, die aufgezeichnet worden waren. Oder der große Eklat mit Kurt Schumacher 1949, wo er Adenauer sozusagen als den Bundeskanzler der Alliierten bezeichnete.

00:04:27: Kurt Schumacher Der Bundeskanzler der Alliierten.

00:04:30: O-Ton Ruppel Und das haben wir uns sehr sorgfältig herausgeholt aus den Archiven. Aber das allein war es nicht, sondern wir haben noch viele andere Dinge gefunden.

00:04:37: Martin Also der hat in den Sendungen gesessen und irgendwo haben sie mal einen O-Ton gebraucht aus früheren Zeiten und haben den rausgezogen aus dem damals schon recht umfangreichen WDR Archiv und haben das benutzt.

00:04:49: Wolfgang Erst mal umgekehrt. Erst mal hat er dagesessen und festgestellt, was weiß ich: Die haben berichtet über irgendein politisches Ereignis, vielleicht das Misstrauensvotum. Und er hat sich Notizen gemacht. Ah, heute der soundso vielte am so und so vielten - Mißtrauensvotum. Und da einen tollen O-Ton. Oder er hat sich notiert bei irgendwelchen Berichterstattungen, wenn ein O-Ton vorkam, also ein Originalton, der klingt ja interessant. Das ist ja wirklich mal interessant, das zu hören, wie sagen wir mal Paul von Hindenburg, der ehemalige Reichspräsident, sich anhört. Dann wurde das gespielt, dann hat sich Wolf Dieter Ruppel das notiert. Und irgendwann ist er auf den Trichter gekommen. Das ist doch eigentlich mal spannend, mehr von diesen O-Tönen, von diesen Originaltönen zu senden. Man muss sich ja vorstellen in einer aktuellen tagesaktuellen Sendung "heute", später "Morgenmagazin", da ist es ja gar nicht so üblich. Da berichtet man ja von dem, was heute passieren wird oder gestern Abend noch passiert ist. Und man hat ja diese historische Dimension gar nicht so auf dem Schirm.

00:05:45: Marko Aber gab es überhaupt ein Archiv, wo man das hätte rausziehen können?

00:05:48: Wolfgang Ja, es gab schon das Deutsche Rundfunk Archiv. Es gab diese alten Wochenschau-Archive, die gibt es bis heute und die gab es damals auch. Und auch der WDR hatte schon ein sogenanntes Schall-Archiv, so haben die das damals genannt heißt heute übrigens noch so, da wurden dann die Töne, vor allem wenn es wichtig war, archiviert und beschriftet und aufgeschrieben: Ah, Willy Brandt am Tag der so und so, es kam noch was hinzu. Der WDR hatte damals den Auftrag die Plenardebatten des Bundestages aufzuzeichnen. Der saß ja damals ja noch in Bonn, wir erinnern uns, und das war also sozusagen WDR Ressort, diese Dinge aufzuzeichnen und aufzubewahren. Also im WDR Archiv sind sämtliche Plenarsitzungen des Deutschen Bundestags, ich weiß nicht bis wahrscheinlich zum Umzug nach Berlin aufgehoben. Und auch da kann man natürlich dann immer mal wieder reingreifen. Was hat denn die Opposition da und da damals dazu gesagt? Und so entstand die Idee, es gab so ein Format nicht. Wolf-Dieter Ruppels Idee: Ich sortiere mal meine Zettel. Wie sortiere ich die? Nach Sachfragen oder nach Themen oder nach Personen? Nö, nach Daten! Und dann gucke ich mal: Ah, an einem 4. April was ist denn da alles so passiert? Und da hat er gesagt, er ist natürlich wahnsinnig viel. Aber wenn ich jetzt das strukturiere und sage mal in 5 Jahres Schritten, also an einem 4. April vor fünf Jahren oder an einem 4. April vor 50 Jahren so oder vor 100 Jahren, und das fand er interessant. Kleiner Einschub hier: Später gab es dann auch so einen Daten-Dienst. Ein gewisser Herr Witwer hat den dann gepflegt. Der hat also tatsächlich dann solche Daten gesammelt und ein ständig anwachsendes und alle zwei Jahre neu erscheinendes Buch herausgebracht innerhalb des WDR - der Wittwer Daten Dienst...

00:07:39: Marko Der Witwer Daten-Dienst?

00:07:41: Wolfgang Kennt ihr den nicht mehr, die konnte man früher. Ich habe ich habe noch Exemplare zu Hause, da konnte man dann reingucken oder sagen heute ist der vierte April. Was war denn da so? Da konnte man gucken äh, was weiß ich. Ein Bergwerks Unglück in Walsum eine Explosion hat es da gegeben. Das waren dann tatsächlich später, in diesem Fall auch Themen im ersten, im allerersten Zeitzeichen.

00:08:00: Marko Weißt du, die Themen des ersten Zeitzeichens?

00:08:02: Wolfgang Ja, es waren insgesamt 12 unter anderem...

00:08:06: Marko Ach, zwölf! Es war nicht wie heute?

00:08:06: Wolfgang Nein, es war tatsächlich am Anfang so, es war ein ein Konglomerat an Themen, in diesem Fall sogar zwölf. Ich weiß gar nicht mehr, kriegte ich alles zusammen, aber ich weiß, es war ein Stuka-Angriff. Es war dieses Bergwerks -Unglück in Walsum. Und erst später hat Wolf-Dieter Rupel dann festgestellt: Das funktioniert so nicht. Das ist für damals schon 14, 15 Minuten, ist das zu viel, da kommen wir nicht in die Tiefe. Da kann man eigentlich nur das machen, was eine Ursprungsidee war, nämlich einen Originalton abfeiern. Und das war's dann auch schon. Aber wenn man in die Tiefe gehen wollte, und das war ich glaube, nach drei Monaten oder so, hatten die dann das Konzept geändert und gesagt: Nee, wir machen ein Thema, ein Thema und dann kann man da ausführlicher drüber berichten.

00:08:50: Marko Und seitdem gibt es diese Sendung, die es bis heute gibt, die jeden Tag eine Viertelstunde lang an historische Ereignisse im Sinne eines akustischen Kalenderblatt, sag ich jetzt mal, erinnert. Also das, was wir so als Zeitzeichen mögen.

00:09:03: Wolfgang Ganz genau. Seit dem 4. April 1972. Es war so: Ich habe mich immer gefragt, wieso 04. April, wieso nicht erster Januar oder so was. Und es war tatsächlich so: Wolf-Dieter Gruppe hatte die Idee. Muss man sich auch mal vorstellen. Heutzutage würden in Sendeanstalten erst mal ein Jahr lang irgendwelche Format-Entwicklerteams 30 mal tagen und Hörer befragen.

00:09:25: Martin Hörerbefragung.

00:09:26: Wolfgang So und so - Analyse. Diese Analyse, was weiß ich. Alle möglichen Auswertung und dann würde man am Ende sagen: Kann eigentlich nicht funktionieren. Damals sitzt ein freier Mitarbeiter, hat eine Idee und sagt: Hör mal: Die und die Idee hab ich, ist er zu dem damaligen Hörfunk-Direktor gegangen und der hat sofort gesagt: Ja, finde ich cool. Machen!

00:09:43: O-Ton Ruppel Wir haben innerhalb von 17 Tagen 93 Sendungen produziert. Das war deswegen nötig geworden, weil der damals auf das Projekt eingestiegene Programmdirektor Fritz Brühl gesagt hat: Bitte noch früher anfangen mit der Sendung. Nicht erst am 1. Januar nächsten Jahres, nicht am 31. oder am 1. Oktober dieses Jahres, sondern bitte schon im April anfangen.

00:10:04: Wolfgang Warum hat der Mann es so eilig gehabt?

00:10:06: Wolfgang Der hat wohl begriffen, der hat, glaube ich, tatsächlich verstandenDas hat Potenzial. Und diese Idee liegt so in der Luft. Das können andere auch machen. Jetzt wollen wir die ersten sein. Jetzt mach mal. Und warum 93 Sendungen? Weil natürlich so ein Zeitzeichen - das ist bis heute nicht anders - brauch einen gewissen Vorlauf. Wenn ich schon sage Morgen läuft das und das 15 Minuten Radio macht man nicht mal eben so, das braucht Vorlauf. Also haben Sie schon mal auf Vorrat produziert,

00:10:33: Marko Wie wir es heute auch machen.

00:10:34: Wolfgang Wie wir es heute auch machen, wie wir es heute auch machen.

00:10:35: Marko Das weiß natürlich draußen erstmal keiner. Wir drei sind ja schon auch seit langen Jahren Zeitzeichen-Autoren. Bei uns ist es so: Jedes Vierteljahr, wir setzen uns zusammen. Themen werden vergeben und dann hat man halt Zeit. Das war damals in 17 Tagen 93 Sendungen.

00:10:51: Wolfgang 93 Sendung so hat er es erzählt, ja.

00:10:54: Marko Wie viele Leute haben daran mitgearbeitet?

00:10:56: Wolfgang Ich glaube am Anfang war es ein relativ überschaubares Team. Ich weiß die Zahl nicht, aber ich denke mal 20, mehr nicht mehr waren es nicht und das wuchs dann. Das war früher auch ein bisschen anders, vom Konzept her. Also erst mal vielleicht noch mal eins vorweg geschickt: Was auch dann neu war neben diesem Einbinden des O-Ton, des Originaltons, war, dass nach ich glaube drei, vier Monaten schon, dass dann plötzlich die Autorinnen und Autoren selbst gesprochen haben. Da sagen wir heute: Häh? Warum nicht? Aber es war früher, 1972, völlig unüblich. Da schrieb man dann so - da ist dann so ein Marko Rösseler hingegangen hingegangen, hat erst mal so ein Pamphlet da verfasst und so abgetippt mit ner Schreibmaschine, weißen Schal nach hinten geweht. Und dann hat er das Manuskript dann so handschriftlich oder getippt in der Redaktion abgegeben.

00:11:41: Martin Das macht der heute noch.

00:11:49: Wolfgang Genau - in der Toscana sitzend auf der Terrasse. Ja. Ja, und so war das damals eben immer. Und dann wurde das von einem Sprecher oder einer Sprecherin, in deinem Fall vermutlich von einem Sprecher vorgelesen im Radio, so dass

00:12:01: Marko Das heißt, der Autor hatte damit gar nicht mehr zu tun?

00:12:02: Wolfgang Nein, die haben das abgegeben und - wiedersehen und das Honorar kassiert und der Sprecher oder Sprecherin haben das eingesprochen. Und jetzt kommt ein Wolf-Dieter Ruppel, und sagt: Lieber Marko Rösseler oder wie Sie auch immer hießen damals und sagt: Hier musst du selber sprechen, war große Aufregung. Viele konnten das gar nicht wirklich. Man hört das manchmal, ohne despektierlich sein zu wollen. Man hört das manchmal auch ein bisschen, dass diese Routine des Selber-Sprechens im Radio noch nicht so verbreitet war, wie das heute üblich ist.

00:12:31: Martin Wie sahen die aus? wollte ich jetzt fragen. Aber wir hörten sie sich denn an damals, diese Zeitzeichen. War das so ähnlich wie heute in Zeitzeichen sich anhört, oder war das komplett anders?

00:12:41: Wolfgang Also es ist ja schwierig, aus dem Jahr 2022 heraus das in irgendeiner Form zu bewerten. Beschreiben möchte ich es gern. Ich denke, wenn wir das heute hören, manche wirken ja altbacken, manche wirken ein bisschen wie vorgelesene Zeitung. Aber wenn ich mich dann umschaue wie das 72 oder auch in den Jahren davor, wie Radio eben klang früher, das hat einen anderen Klang, man hatte andere Hörgewohnheiten, da gab es nix Flapsige oder da gab es nicht so Schnelles wie heute.

00:13:08: Martin War eine Bildungsanstalt.

00:13:09: Wolfgang Das war eine Bildungsanstalt, ja man versuchte auch, den Leuten Dinge nahe- und beizubringen, in der Tat. Und diese Original-Töne, von denen wir eben gesprochen haben, die waren ja auch Neuland, dass man einfach dann... Also ich kenne noch Redakteure aus meiner Anfangszeit, die sagten: Ein O-Ton ist Zeitverschwendung, Wolfgang, ja. Kannst es ja auch schneller selber sagen, was der da sagt. So.

00:13:30: Martin Also um das noch mal klar zu kriegen: Also das heißt, normalerweise wurde da im Radio oder so, da gab es dann ein Moderator oder einen Sprecher, der dann irgendwie die Sendung oder die Nachrichten präsentiert hat. Und dann gab es Korrespondenten-Berichte oder Reporter, die irgendwas erzählt haben, ob jetzt entweder live im Studio oder aber aufgezeichnet vorher. Aber das war's. Das war nicht so, wie man das heute hat, dass man sagt: Das ist jetzt der Minister XY, und den hören wir jetzt mal dazu.

00:13:56: Wolfgang Es gab natürlich Interviews, aber in der Regel war es tatsächlich so, es gab einen Moderator, der eher so was wie ein Ansager war. Ganz am Anfang. Kennen wir übrigens noch aus dem Fernsehen, diese Ansagerin...

00:14:06: Marko Ja, sehr charmant, fand ich immer sehr gut.

00:14:07: Wolfgang Und der hat also Dinge angekündigt. Und dann gab es beispielsweise - Was heiße ich? Die Fertigstellung des Kölner Doms oder so. Oder die Grundsteinlegung des Funkhauses oder irgend so was. Und dann war da ein Reporter, der hatte das entweder - damals gab es natürlich auch schon mit dem Ü-Wagen live dann gemacht, da hat man natürlich dann schon live gesprochen als Reporter vor Ort, oder auch aufgezeichnet, aber da war natürlich schon es üblich, dass die Reporter ihre Reportagen selbst gesprochen haben. So daneben gab es aber Berichte und die waren häufig eben nicht von den Berichterstattern gesprochen, sondern eben von Sprechern. Und eine dritte Form war sicherlich das Interview, aber das haben dann eher Reporter gemacht, wenn sie da, was weiß ich bei der Grundsteinlegung irgendeines berühmten Gebäudes waren, dann haben Sie dort: Darf ich Ihnen eine Frage stellen? Hier, Herr Architekt, so und so, und dann sagte der - ne, ist jetzt schlecht. Solche Stücke habe ich schon häufig gehört in den Archiven. Und diese Selbstverständlichkeit, dass man mit Originalton ganz anders umgeht, so wie wir das heute machen, dass wir sie auch als Gestaltungselement einsetzen, nicht verfälschen, das nicht, das will ich nicht sagen. Aber dass wir versuchen, eine gewisse Geschichte: eine dramaturgische Linie da rein zu bekommen in der Berichterstattung und O-Töne dafür nutzen, um zum Beispiel auch mal was weiß ich, das Thema zu wechseln. Und und nun können wir gleich noch ausführlich drüber sprechen. Das war damals nicht so. Man hat dann tatsächlich gesagt: Und nun hören wir Professor um über die Erfindung des elektronischen Hühnereis. Und dann kam Professor so und so und hat das dann so vorgetragen. Drei Minuten lang womöglich das. So hörten sich manchmal auch die ersten Zeitzeichen an.

00:15:45: Martin Das war so ein bisschen quasi Offiziöse als fast regierungsamtlich, was da verkündet wurde?

00:15:51: Wolfgang Ja, und es war einfach auch, ich glaube schon immer sehr gut recherchiert. Und es war auch schon so, dass damals schon nur bestimmte Autorinnen, Autoren durften das, also die, von denen man wusste, die können das. Und die haben dann diese Zeitzeichen verfasst.

00:16:05: Marko Einer dieser Kollegen ist der Kollege Hans Conrad Zander. Das Besondere an dem ist: Er arbeitet bis heute für Zeitzeichen.

00:16:13: Martin Seit 1972.

00:16:16: Wolfgang Und das andere Besondere ist, dass er noch nie, glaube ich, in seinem Leben, behaupte ich jetzt mal, einen Originalton eingesetzt hat.

00:16:21: Marko Ganz, ganz selten hat er mir verraten. Ich habe ihn nämlich besucht und er hat mir ein Stückchen aus einem seiner ersten Zeitzeichen vorgelesen. Und dieses Zeitzeichen ist ein sehr besonderes, denn es ist das bis heute am häufigsten als Manuskript von Hörern angefragte Zeitzeichen. Es handelt von Ludwig XIV. und um die Frage, warum der König stinkt.

00:16:44: Hans Conrad Zander Dank sei dem französischen Historiker Louis Bertrand, der das historische Rätsel um die besondere Duftnote des großen Bourbonen mit allem gebotenen wissenschaftlichen Ernst geklärt hat. Professor Bertrand hat das getan, was man immer tun sollte, wenn mit dem körperlichen Befinden eines Menschen etwas nicht stimmt. Er hat die Ärzte untersucht. Das sind die Leibärzte des Sonnenkönigs, der Doktor Vallon, der Doktor Daquin und der Doktor Faggon. Jeder von ihnen ein Arzt, wie er im Buche steht, ohne jede Kenntnis der menschlichen Realität, aber dafür voll geblasen mit ärztlichem Standesbewusstsein und mit den medizinischen Weisheiten von Europas renommierteste Universität, der Pariser Sorbonne. Nehmen wir den Doktor Daquin. In seinen Händen befindet sich der Sonnenkönig während seiner blühendsten Mannesjahre. Im Kopf des Dr. Daquin sitzt das Dogma, es gebe im ganzen menschlichen Körper keinen gefährlicheren Infektionsherd als die Zähne. Und es schließt der Doktor, dass man Zähne allenfalls im Munde eines gewöhnlichen Untertanen belassen könne. Bei Seiner Majestät dem König aber müßten sie allesamt gezogen werden, solange sie noch gesund seien. Dagegen sträubt sich Ludwig XIV. Aber Daquin wendet einen psychologischen Trick an, mit dem er jede seiner Ideen bei Ludwig durchzusetzen weiß. Er sagt dem mächtigsten Herrscher Europas, seine Gesundheit sei gleichbedeutend mit seiner Gloire, und darum sei es für seine königliche Glorie nötig, ihm die Zähne allesamt zu ziehen. Am folgenden Tag notiert der Leibarzt in seinem Tagebuch: Seine Majestät, der König hat mir geantwortet, er sei für seine Glorie zu allem bereit, sogar zum Sterben. Ludwig XIV. ist nicht gerade gestorben beim großen Zähneziehen in Versailles. Aber der Doktor Daquin geht immerhin so geschickt vor, dass er dem König zusammen mit den unteren Zähnen auch gleich den Kiefer zerbricht und ihm zusammen mit den oberen Zähnen einen großen Teil des Gaumens herausreißt, alles den Lehren der Sorbonne entsprechend ohne Narkose. Der königliche Unterkiefer wächst nach einer Weile wieder zusammen, aber der herausgerissenen Gaumen ist natürlich nicht wieder zu ersetzen. Den Dr. Daquin schert das nicht. Einen Monat später notiert er in seinem Tagebuch: Zum Zweck der Desinfektion habe ich Seiner Majestät das Loch im Gaumen vierzehn Mal mit einem glühenden Eisen-Stab ausgebrannt.

00:19:40: Marko Da schildern Sie das Martyrium des Königs, des mächtigsten Mannes der Welt, das ihm die Ärzte antun, und zwar völlig unnütz.

00:19:49: Hans Conrad Zander Das war im Jahre 1973. Es hatte in Deutschland ein Meinungsumschwung über die Medizin stattgefunden. Die Leute verehrten nicht mehr die Halbgötter in Weiß sondern lasen überall so Serien über fehlgeleitete Operationen und so weiter. Und als Herr Ruppel, der damalige Chef vom Zeitzeichen, zu mir kam und sagte: Ich habe hier für Sie den Geburtstag von Ludwig XIV. ging ich ins französische Kulturinstitut, schaute alle fünf Bände, die es dort über Ludwig XIV. gibt nach, und fand einen mit dem Titel: Louis et les médecines – Ludwig und die Ärzte. Und ich sagte: Das ist, was die Leute jetzt hören wollen. Wenn sie hören, dass es dem genau so übel gegangen ist wie uns, das wird sie hinreißen. Und es riss die Leute wirklich hin. Die Autofahrer blieben am Rand der Autobahn stehen, um es ganz zu hören, bis zum Schluss, kamen zu spät ins Büro. Es wurde dann von einer Schweizerischen Ärztezeitung ohne mein Zutun, ich weiß nicht, wie die das gefunden haben, abgedruckt und von dort kam es in die großen Zeitungen. Der Text dann gedruckt. Das war der unglaubliche Erfolg dieser Sendung, die ich gar nicht besonders vorbereitet hatte und in zwei Tagen geschrieben hatte. Jetzt wurschtelt man wochenlang an einem Zeitzeichen herum, weil alles genau stimmen muss. Damals musste es noch nicht genau stimmen. Wichtig war die Geschichte. Das Deutsche Wort Geschichte, wenn ich jetzt auch tiefgründig werden darf, beinhaltet einmal ein Ereignis und zum anderen den, der es erzählt. Das ist der Doppelsinn des Wortes Geschichte. Und das ist das, was ich erstrebt habe zum Anfang vom Zeitzeichen, was dann meine Marke geworden ist. Ich hab das eigentlich gegen den Willen der Sendeleitung gemacht, die waren dem O-Ton-Fetischismus verfallen, dem sie ja heute noch verfallen sind im Zeitzeichen, die Autoren. Aber ich fand den O-Ton-Fetischismus gegen den Sinn des Deutschen Wortes Geschichte. Geschichte bedeutet eben: Eine Tatsache, aber von einem erzählt. Wenn unsere Vorfahren, die alten Germanen, am Feuer saßen, dann stand immer einer auf und begann zu erzählen, wie es früher war. Und das halte ich für den Archetyp eines Zeitzeichens.

00:22:36: Hans Conrad Zander Als Sie dieses Zeitzeichen damals geschrieben haben, waren Sie noch ein junger Mann. Da waren Sie Mitte dreißig. Heute sind Sie, man darf es sagen, Mitte 80 aber immer noch fürs Zeitzeichen tätig. Sie schreiben immer noch.

00:22:51: Hans Conrad Zander Ja, ich tue das mit großem Genuss, weil man mich da im Wesentlichen machen lässt, was ich gerne mache. Und es ist auch lebendiger, als wenn ich etwas für eine Zeitschrift schreibe.

00:23:05: Marko Hat sich in diesen 50 Jahren, wo Sie jetzt fast für dieses Zeitzeichen tätig sind, außer dass immer mehr O-Töne gekommen sind, hat sich was verändert? Sind die Themen anders geworden? Gucken die Leute anders auf Geschichte?

00:23:19: Hans Conrad Zander Es hat ein Niedergang stattgefunden, nämlich folgender Art: Zeitzeichen war im zweiten Programm. Das zweite Programm war zwischen dem ersten und dem dritten. Es gab nur drei Programme, war das vulgäre Programm und es war konzipiert als Bildung für die Waschfrau.

00:23:42: Nein, so hat man es nicht genannt. Aber das sagte Ruppel, der die Sendung konzipiert hat, und das sagten wir alle: Bildung für die Waschfrau.

00:23:51: Marko Der große Bildungsauftrag!

00:23:53: Hans Conrad Zander Der kleine Bildungsauftrag, der Große kam nachher. Nachher kam die Sendung zu viel Ruhm, die Redaktion auch. Und das stieg der Redaktion in den Kopf. Ich glaube, sie lebt nicht mehr, die Redaktion. Dies stieg der Redaktio in den Kopf und sie wollte ins dritte Programm.

00:24:14: Marko Das war damals eine Auszeichnung.

00:24:16: Hans Conrad Zander Unter Redakteuren war ein Redakteur des zweiten Programms gar nichts im Vergleich zu einem Redakteur des Dritten Programms.

00:24:24: Marko Obwohl das zweite Programm das Massenmedium schlechthin war. Das haben alle gehört.

00:24:28: Hans Conrad Zander Ja natürlich. Man hatte eine halbe Million Hörer und das war nachher ein Thema in den Büros wie das Fernsehen. Aber das ging zurück. Ich weiß nicht, auf wie viel hunderttausend, 200 oder 150000 mit der Umstellung aufs dritte und fünfte Programm. Jetzt wurde es Bildung für die Gebildeten. Und da wir als Journalisten doch etwas bescheiden sein sollten, würde ich sagen Halbbildung für die Halbgebildeten, auch für die ganzen pensionierten Lehrer in der Eifel. Die hören natürlich anders zu als die Waschfrau zuhörte. Jetzt kommen viele Briefe so vom Typ: Sie haben 1622 geschrieben. Ich kann Ihnen versichern, aufgrund von und so weiter, das ist 1624 gewesen. Was soll ich dazu sagen? Die Geschichte ist gut oder schlecht. Ob nun 1622 oder 1624. Ich sage hier etwas Häretische. Denn jetzt wird ja genau auf alle Einzelheiten aufgepasst. Ich mach das auch. Ich habe Angst jetzt. Ich könnte irgendeine Einzelheit falsch geschrieben haben und schaue jedes Mal im Internet nach. War es 1622 oder 1624? Nur verliert natürlich die Sendung dadurch ihr Brio. Sie verliert ihre Leidenschaft des Erzählens. Nur so gefällt sie eben auch den Lehrern besser. Jetzt gebrauchen die Lehrer diese Sendung als Einführung zu schwierigen Themen im Unterricht.

00:26:17: Marko Was ja auch eine gute Einsatzmöglichkeit ist. Das ist ja ganz schön.

00:26:20: Hans Conrad Zander Ja, aber die Waschfrau ist nicht Lehrer gewesen. Das war ein anderes Zielpublikum. Im zweiten Programm hatten Sie auch Sendungen wie Hallo Ü-Wagen. Das war auch vulgär, richtig vulgär, aber gekonnt vulgär. Und das sollte Zeitzeichen eigentlich auch sein. Am Anfang hat die Sendung geschwankt, also der Ruppel kam auf mich zu und sagte: Herr Zander, ich höre, dass Sie Mönch waren. Ich war Gabelstaplerfahrer, da passen wir gut zusammen. So bin ich zum Autor von Zeitzeichen geworden. Jetzt müsste ich wahrscheinlich eine Dr. Dissertation vorlegen oder irgend sowas. Das war völlig anders, weil es auf die Waschfrau ausgerichtet war.

00:27:10: Marko Wenn Sie heute eine eine Geschichts-Sendung konzipieren müssten, Herr Zander, wie würde die aussehen?

00:27:16: Hans Conrad Zander Die würde aussehen wie vor 50 Jahren. Genau so - für die Waschfrau.

00:27:22: Marko Gehen wir nochmal zurück in die Frühzeit des Zeitzeichen. Ich glaube, am Anfang war sehr umstritten, ob sie selbst überhaupt ihre eigenen Zeitzeichen lesen dürfen.

00:27:33: Hans Conrad Zander Das habe ich durchsetzen müssen. Die anderen machten das nicht. Das wurde dann von einem Sprecher vorgetragen und erst als der Erfolg kam, der Erfolg meiner Sendungen, kamen die dann auf die Idee, es müsste eigentlich jeder selber seine Geschichte vortragen.

00:27:52: Marko Nun haben Sie diesen wunderbaren und sehr charmanten Schweizer Akzent. War das sozusagen ein Teil dieses Erfolges?

00:27:59: Hans Conrad Zander Das war eben auch die Zeit. Das war die Zeit, als auch Emil bekannt wurde, als Schweizer und Holländer in den deutschen Medien gerne verwendet wurden. Eben auch das neue Fremde im Vergleich zu dem, was vorher zwölf Jahre lang zu hören war über Radio Köln.

00:28:17: Marko Sie waren ein Exot?

00:28:20: Hans Conrad Zander Ja. Ich war ein Exot und die Exoten waren beliebt. Ich reiste zwischen Basel und Köln per Anhalter hin und her und immer wieder kamen Polizisten, um mich zu kontrollieren, aber nicht um mir das Leben schwer zu machen oder mir eine Buße aufzubrummen, sondern um zu fragen: Wo sind sie denn her? Ah, aus der Schweiz. Ja und was machen Sie in Köln? Also die Freude einem Ausländer zu begegnen, die war in den 60er und 70er Jahren da.

00:28:55: Marko Wenn ich auf Ihre Zeitzeichen schaue, so mögen Sie vor allem religiöse Themen.

00:29:01: Hans Conrad Zander Das liegt daran, dass mein Vater Protestant war und ich mit meinem Vater ganz schlecht ausgekommen bin. Und um meinen Vater richtig zu verletzen, bin ich Mönch geworden. Mit 20 Jahren wurde man in der Schweiz volljährig. Ich wollte eigentlich mit 19, aber das hat er mir verboten. Als Protestant, ja.

00:29:23: Marko Und dann auch noch gleich Dominikaner.

00:29:25: Hans Conrad Zander Ja, aber das wusste nun mein Vater nicht, was ein Dominikaner mit der Inquisition zu tun hat. Das wusste er nicht. Aber wenn er einen katholischen Priester auf der Straße sah und ein katholischer Priester hatte, den kannte man damals, den erkannte man, der hatte noch ein entsprechendes Standes Gewand. Dann lief sein ganzer Kopf rot an. Wie er dazu gekommen ist, eine süddeutsche Katholikin zu heiraten, die ihm auferlegt hat, die Kinder katholisch zu taufen. Das weiß ich nicht. Es kam nur die große Liebe gewesen sein. Aber um meinen Vater im tiefsten zu treffen, den ich - also ich kann nicht sagen, dass ich ihn hasste. Ich mochte ihn überhaupt nicht. Ganz physisch nicht. Bin ich Mönch geworden. Und dann, nach drei Jahren, sagte ich mir Ich kann doch nicht nur meinem Vater zu leide ein Leben lang im Kloster bleiben und bin wieder gegangen. Und dann bin ich nach Köln gekommen. Und dann kam ich schnell in den WDR rein. Es sagte der Leiter der Kulturabteilung: Hier ist ein Schweizer, der kann Deutsch.

00:30:32: Marko So sind sie vom Mönch zum Autoren fürs Zeitzeichen geworden...

00:30:37: Hans Conrad Zander Und nachher zum Reporter beim Stern.

00:30:40: Marko Und religiöse Themen spielten aber immer eine wichtige Rolle.

00:30:43: Hans Conrad Zander Interessieren mich nach wie vor. Aber jetzt mit einer gewissen Distanz. Nicht so, dass ich da mit meinem Herzen ganz drinstecken würde, sondern wie einer, sagen wir, der in seiner Jugend mit Pferden aufgewachsen ist, sich später für alles, was mit Pferden zu tun hat, interessiert. So interessiere ich mich für die katholische Kirche, weil sie meine Jugend war.

00:31:08: Marko Ihr nächstes Zeitzeichen wird worüber handeln?

00:31:10: Hans Conrad Zander Es kommt Abelard als nächstes, das ist immerhin Geschichte des zwölften Jahrhunderts mit einem kastrierten Autor und einem Erzpriester, der ihn kastriert, und einer schönen Heloise. Es ist also die wesentlichen Elemente für eine gute Sendung sind dabei, nämlich Sex und Religion. Die beiden Dinge machen eine gute Sendung aus. Ich weiß nicht: Im Augenblick ist die Stimmung im deutschen Katholizismus so depressiv, weil Sex auf eine äußerst unerfreuliche Weise mit Religion zusammenkommt. Aber historisch ist es immer so gewesen. Also die großen Renaissance Päpste? Was wären die ohne die sexuelle Komponente ihres Pontifikats gewesen? Und das habe ich immer am liebsten, wenn Sex mit Religion zusammenkommt. Die Waschfrau hört so was auch gern.

00:32:09: Wolfgang Ja, unverkennbar: Hans Conrad Zander. Aber es geht doch eigentlich immer um Religion und Sex, oder?

00:32:13: Wolfgang Ja, irgendwie schon.

00:32:14: Marko Du hast, du hast Theologie studiert. Wie viel Kinder hast du?

00:32:19: Wolfgang Fünf - musste ich gerade mal eben nachzählen. Ja, das stimmt.

00:32:23: Marko Wolfgang Maier, zu Gast bei "Die Geschichtsmacher". Hans Conrad Zander, spricht vom O-Ton Fetischismus, der eingeschlagen hat. Als ich ihm gegenüber saß, musste ich ein bisschen schmunzeln, weil ich glaube, ich gehöre zum Beispiel zu den Autoren, die besonders viele O-Töne benutzen...

00:32:37: Wolfgang Du hast so 200 pro Zeitzeichen rein rechnerisch - ungefähr...

00:32:41: Marko Nein. Wenn ich hier rein die O-Töne zähle, dann komme ich so auf 50, 60.

00:32:45: Martin Ja, aber auf 14 Minuten...

00:32:46: Marko Im Vergleich zu Hans Conorad Zander ist das viel.

00:32:46: Martin Aber das ist ja das Schöne, das muss man ja mal ehrlicherweise sagen. Das ist ja das Schöne am Zeitzeichen, dass die Redaktion und da muss ich auch mal die Redaktion loben, es immer erlaubt hat, eine große Bandbreite zu haben bei den Autoren und bei der Art und Weise, wie die Autoren ihre Zeitzeichen machen. Da ist halt am einen Ende ist da ein Hans Conrad Zander, der so gut wie nie O-Töne hat. Und wenn er Musik braucht, dann fängt er an zu singen - die Marseillaise, dann singt er die Marseillaise. Wunderbar. Und auf der anderen Seite des Spektrums haben wir halt da, so einen Marko Rösseler, der die O-Töne abfeuert und mit Atmos und Musik.

00:33:27: Wolfgang Der Kollege Meyer ist er keinen Schritt besser. Also das muss man auch sagen, wir sind ja alle. Letztendlich ist er auch so ein klein gehäkelt. Also da gibt es auch Kritik, muss man sagen.

00:33:35: Wolfgang Es gibt Leut, es gibt Leute, habe ich gerade erst gemerkt, dass bei den jüngeren Leuten das wieder so ein bisschen zurückgefahren wird. Also unsere Volontäre, die, die dann manchmal auch sagen Das ist mir zu viel Töne Kladderadatsch. Aber was ich dazu sagen will: Dieses Konzept individueller und origineller Zugang, das war vom ersten Zeitzeichen an so gewünscht. Es ging nie darum, machen mir eine wissenschaftliche Abhandlung oder so was, sondern es ging immer darum: Finde deinen ganz persönlichen, möglichst originellen eigenen Zugang zu dem Thema höchst subjektiv, höchst subjektiv.

00:34:07: Marko Und das macht es sehr charmant. Wie bist du denn jetzt an 50 Jahre Zeitzeichen ran gegangen? Ich meine, es gibt unendlich viele Sendungen, tausende , man kann es ja überschlagen. Wie viele sind das gewesen?

00:34:16: Wolfgang Es müssten 18.250 in etwa sein - oder 18.249 - weil ja im ersten Jahr dieser eine da mal ausgefallen ist. Wir haben es erwähnt bei dem Attentat auf die israelische Mannschaft während der Olympischen Spiele in München 72. Schon im ersten Jahr ist eine Sendung ausgefallen. Wir haben herauszufinden versucht, ob noch weitere ausgefallen sind, aber sind nicht haben es nicht feststellen können tatsächlich. Also ich glaube nicht. Aber jetzt muss man natürlich Schaltjahre und so noch rechnen - aber so round about 18.250 Zeitzeichen.

00:34:44: Marko So, wie viel davon hast du für die Vorbereitung deiner Sendung gehört?

00:34:51: Wolfgang Alle. Nein Quatsch. Aber das ist eine kleine Anekdote. Ein Kollege hat so was Ähnliches mal gemacht. Ferdinand Krevet, Klangkünstler war der eher. Der hat - 1983 tatsächlich 2000 Schnipsel aus Zeitzeichen zusammengesucht. Neun Monate hat er gebraucht für diese Arbeit, neun Monate - war ja alles noch Analog, das war ja auf Bändern, auf Senkel, wie das früher hieß, so.

00:35:11: Martin Das muss man, glaub ich, erklären, was das gewesen ist. Also der eine oder andere mag noch die Compact Cassette kennen und letztendlich das, worauf wir auch damals noch produziert haben in den 90er Jahren, irgendwann ist das digitalisiert worden, aber in den 90er Jahren war das noch so, da gab es dann lange große, dicke Räder, Kuchen könnte man sagen, mit Tonband, mit magnetisiertem Tonband und in der Mitte ein sogenannter Bobbie, so ein kleines kleines Ding und da wurde dann dieses Band drauf, aufgespult.

00:35:39: Wolfgang Den man gut als Aschenbecher benutzen konnte oder als Bierflaschen Öffner.

00:35:42: Martin Ja und darauf wurde das dann aufgezeichnet und produziert und von der produktionstechnischen Seite war das auch alles sehr, sehr kompliziert und aufwendi.

00:35:50: Wolfgang Ja, für die Jüngeren: Man hat richtig physisch geschnitten, also man hat diese Bänder da, wo man es brauchte, abgeschnitten und an anderer Stelle wieder zusammengeklebt.

00:35:57: Marko Es hatte was sie als etwas Sinnliches...

00:35:59: Wolfgang Was man heute in jedem Schnittprogramm auch tut, aber eben wirklich tatsächlich real physisch - man hat diese Bänder geschnitten. Das war schon.

00:36:05: Martin Ja, ja, und die hat er alle durchgehört.

00:36:08: Wolfgang Die hat er durchgehört. Er hat aus 2000 Schnipseln - so die Fama - mit zwei Technikern acht Tage lang Tag und Nacht in ein Studio einsperren lassen und hat daraus ein unglaubliches Werk gemacht. Im Prinzip so, ja, wie soll ich da so eine Art Collage? Wo muss man sich anhören? Mal irgendwo kann man bestimmt irgendwo, vielleicht bei YouTube oder so, ich weiß es nicht, hören. Und da habe ich von Anfang an gesagt: So was mache ich nicht. Also A ist das nicht möglich mit 18.250 Zeitzeichen. Aber so ähnlich habe ich es dann doch gemacht. Ich habe mir tatsächlich viele, viele Zeitzeichen angehört, um zu gucken: Was gibt es so für Macharten? Was haben die früher gemacht? Wie machen wir es eher heute? Wie macht ein Marko Rösseler das? Wie macht ein, um Namen zu nennen, ein Ralf Erdenberger das? Was ja auch so ein Spielkind ist vor dem Herrn. Der hat mal ein berühmtes Zeitzeichen gemacht über die Relativitätstheorie und hat eine wunderbare O-Ton Collage von von Menschen, die die, die versuchen, die zu verstehen. Das ist wunderbar zu hören. Ja, oder hier Martina Herzog, der eben auch seine ganz eigene Art hat, seinen ganz eigenen Stil. Und das habe ich versucht, so ein .bisschen darzustellen, was es alles so gab. Und was diese Subjektivität betrifft, da gab es dann auch und wir haben eben darüber gesprochen, dass der Vorlauf immer sehr lange war und bis heute ist, dass man also weit im Vorhinein zwei, drei Wochen im Vorhinein diese Dinger produziert, bevor sie gesendet werden. Da gab es mal eine kleine Panne. Die kann auch Wolf-Dieter Ruppel noch erzählen, nämlich mit einem Zeitzeichen über Theodor Wiesengrund Adorno. Die Älteren erinnern sich an diesen Namen. Und dieses Zeitzeichen - Wolf Dieter Ruppel hat mir mal erzählt, er hat dieses Zeitzeichen in Auftrag gegeben bei Karl-Heinz Wocker, ehemaliger Korrespondent und eben Zeitzeichen-Autor. Und was er nicht wusste oder was ihn hätte stutzig machen sollen, war, dass er sofort sagte: Ja, mache ich, ohne zu überlegen. Und was er aber nicht wusste, ist, dass Karl-Heinz Wocker diesen Theodor Wiesengrund Adorno abgrundtief hasste. Er fand den scheiße, ja, er fand den doof. Und wenn man Adorno Töne hört, dann weiß man, was er meinte. Also man versteht kein Wort. Und dann hat ders ein Zeitzeichen verfasst, das ich glaube drei, vier Minuten vor Ausstrahlung erst beim Wolf-Dieter Ruppel ankam. Der konnte es also nicht mehr hören und hat es dann ausgestrahlt. Und das hätte ihn, hat er jedenfalls geglaubt, fast den Job gekostet. Weil dieses Zeitzeichen fängt an mit den Worten: Ich möchte Ihnen, meine Damen und Herren, von einem besonderen Verbrecher erzählen. Sein Name Theodor Wiesengrund Adorno. Schon dass er den Wiesengrund aus seinem Namen getilgt hat, zeigt, was für ein Unhold er war. Namensänderungen sind immer ein Stück Vatermord, so in dieser Richtung. Und das war

00:38:50: Martin ...nicht mit Augenzwinkern?

00:38:53: Wolfgang Er hat dann Adorno Töne abgespielt, die tatsächlich schon schwer lesbar sind, die aber auch wirklich im direkten Hören nicht zu verstehen sind und die abgenommen, also kommentiert mit den Worten bla,

00:39:05: Marko bla, bla, bla bla. Ich kann mich erinnern, ich kenne das auch

00:39:09: Wolfgang Das ging über den Sender und Wolf Dieter Ruppel hat gezittert. Jetzt fliege ich hier raus. Das hatte ich zu verantworten. Ich habe es mir nicht vorher angehört. Das war so eine dieser Geschichten, wo diese Bitte: Macht mir möglichst einen originellen, subjektiven eigenen Zugang doch ein bisschen aus seiner Sicht nach hinten losgegangen ist. War aber nicht so, hat natürlich seinen Job nicht verloren. Im Gegenteil. Das war auch eins dieser Zeitzeichen, das wie die von Zander quasi Geschichte gemacht hat. Das ist auch sehr, sehr gerne gehört worden und immer wieder abgerufen worden. Offenbar hat es irgendwas getroffen.

00:39:41: Martin Ja, das ist ja so ein bisschen die Frage: Was treffen wir eigentlich so mit so einem Zeitzeichen? Also was machen wir denn da eigentlich? Also früher haben wir gesagt, das war ja eher eine Bildungsveranstaltungen, sicherlich zu Beginn des Zeitzeichens. Und dann hat das den einen oder anderen Weg genommen. In den 80er, 90er Jahren. Habt ihr eine Antwort darauf, warum wir das eigentlich die ganze Zeit machen. Es macht einen Riesenspaß, das ist schon klar. Also als Autor finde ich, gibt es kaum etwas Großartigeres, als sich in so ein Thema zu versenken und eine Viertelstunde darüber Zeitzeichen zu machen, ein historisches Thema. A.ber gibt es jetzt darüber hinaus, außer dass die Geschichte vielleicht schön anzuhören ist. Gibt es da noch was?

00:40:19: Wolfgang Also ich will vielleicht mit zwei Antworten kommen. Das, was viele Leute immer sagen, was ich selber auch sage, sozusagen von der von der Hörer-Perspektive aus, du hörst ein Zeitzeichen, hörst die Ankündigung, dann heißt es: Stichtag heute irgend so ein dir völlig unbekannten Malers oder so was, hast du nie was von gehört, weil wir so ein Kulturbanausen bist. Und dann hörst du dieses Zeitzeichen und fährst tatsächlich, mir geht das manchmal so, noch mal um Block oder so, weil du das noch zu Ende hören willst, und hast nach diesen 15 Minuten oder den 14 Minuten unwahrscheinlich viel A über diesen Maler gelernt, von dem Du noch nie was gehört hast, aber vor allem auch über die Umstände, wie der gelebt hat. Und ich glaube, das ist das Faszinierende, dass das Zeitzeichen ja häufig nicht jetzt unbedingt Ludwig XIV. wie wir ihn aus dem Geschichtsunterricht kennen, sondern eben die Frage stellt: Warum hat der denn so gestunken? Oder dass wir möglicherweise die Geliebte irgendeines Herrschers nehmen oder irgendeinen völlig unbekannten Dute, der irgendwie aber Geschichte geschrieben hat. Hier Margaret Hamilton, die berühmte Mathematikerin. War die Mathematikerin? Ich glaube, die da irgendwo im Keller in Houston saß und eigentlich die Mondlandung erst ermöglicht hat, weil sie so eine geniale Mathematikerin war, die gerechnet hat. Genau. Sie war aber dunkelhäutig, wurde nie irgendwo erwähnt und nie erwähnt. Ohne die wäre die Mondlandung hätte nicht stattgefunden und Zeitzeichen über so eine Figur, ja, die hat es überall in der Weltgeschichte immer wieder gegeben. Randfigur der Geschichte, die aber eigentlich Geschichte geschrieben haben, die vielleicht auch Geschichte noch mal auf einer anderen, ja auf einer anderen Erlebniss-Ebene klar machen, also uns näher bringen. Ich glaube das ist das Faszinierende, dass das Zeitzeichen eben so eine, ja so eine, so eine spürbare, so eine wahrnehmbare Sicht auf das, was uns was Geschichte macht uns ja alle aus was, was wir, was früher so war wie früher Menschen gelebt haben, wie früher Menschen getickt haben, gedacht haben und was daraus geworden ist. Das ist glaube ich, das ganze Geheimnis, das wir... Ich glaube, Menschen wollen gern Geschichten hören. Das ist vielleicht später aber eine doch wichtige Erkenntnis, auch bei Radiomacher, dass wir eigentlich Geschichten erzählen, immer. Und Menschen sind nun mal seit Aristoteles wissen wir das, dass Menschen gerne Menschen nachahmen und anderen Menschen dabei zugucken, wie sie Menschen nachahmen. Deswegen funktioniert Theater. Deshalb funktioniert Netflix. Nur deswegen funktioniert ganz Hollywood, weil wir gerne Menschen zugucken, die irgendwas machen. Und wir hören eben auch gerne Geschichten, weil das der gleiche Effekt ist.

00:42:46: Marko Es ist natürlich immer so eine Geschichte, wenn du das fünfte Zeitzeichen über Friedrich den Großen machen musst. Ich habe mir das mal gerade bei Friedrich dem Großen zur Aufgabe gemacht. Ich dachte irgendwie komme ich melde mich mal bei Friedrich dem Großen, aber ich mache immer ein anderers Zeitzeichen. Also immer komplett anders. Also irgendwie ganz anders. Andere Aspekt anders. So, und dann merkt man, dass du da natürlich unendliche Vielfalt an Herangehensweise und Betrachtungsweise hast und die es auf jede Art und Weise irgendwie immer wieder spannend.

00:43:13: Martin Ja gut, das ist natürlich auch dadurch, dass das Zeitzeichen eben nicht einmal in der Woche oder einmal im Monat läuft, sondern jeden Tag haben wir natürlich auch die Möglichkeit, sehr viele Themen und eben auch Randfiguren zu machen, wo eine normale Redaktion, die eben auch dann mal was Historisches macht, wei- ein wichtiger Jahrestag ansteht oder irgendwie so was das nicht machen kann. Die müssen dann halt die Mondlandung machen und die müssen dann halt den Fall der Mauer machen. Und wir machen das zwar auch, aber wir haben die Möglichkeit, dann eben vielleicht auch ein anderes Datum zu nehmen oder eben die Geschichte ein wenig anders zu erzählen und vielleicht auch aus einem anderen Blickwinkel, weil morgen gibt es wieder ein neues Zeitzeichen und deswegen gibt es da wieder neue Themen und andere Sichtweisen, mit denen man konfrontiert wird.

00:43:56: Wolfgang Ganz genau. Und man würde zum Beispiel am Tag der Mondlandung oder am Zeitzeichen-Tag der Mondlandung vermutlich auch nicht die Mondlandung machen, also vermutlich nicht dieses "It`s one small step for a man" und so. Das würde man vermutlich nur an dem Tag bewusst nicht machen, sondern vielleicht dann die Geschichte erzählen irgendeines Menschen, der den Landeteller entworfen hat oder so, vielleicht sowas.

00:44:16: Martin Oder genau die Frau im Keller, die die Berechnungen angestellt hat. Genau. Und das ist denke ich mal auch ein Vorteil, den so ein tägliches Format hat. Das ist glaube ich schon ganz schön. Auf der anderen Seite über diesen Punkt des Geschichtenerzählens hinaus, weil wir das gerne hören als Menschen, gibt es aber natürlich trotzdem diesen Bildungs-Aspekt. Da schrecken wir jetzt alle irgendwie furchtbar zurück. Und um Gottes Willen - Bildung, Bildung. Aber es ist ja nach wie vor so, dass dieses Zeitzeichen vor allen Dingen von von Lehrern nachgefragt wird. Also das Zeitzeichen nicht, sondern die die Manuskripte werden angefordert, um es dann eben in irgendwelchen Schulklassen entweder noch mal zu hören oder damit zu arbeiten mit diesem Zeitzeichen.

00:44:55: Marko Was ja sehr schön ist. Also mich freut das sehr, wenn es der Fall ist.

00:45:02: Wolfgang Was ja auch wichtig ist, und das unterscheidet das Zeitzeichen vom Geschichtsunterricht, wir nehmen nicht die großen Daten, sondern wir haben auch so Geschichten. Also man kriegt Antworten auf Fragen, die man sich nie gestellt hat. Zum Beispiel Woher kommt das Gummibärchen? So - auch das war mal ein Zeitzeichen. Hier entsteht die Geburt des Gummibärchen. Wir essen die ständig. Also ich esse gerne, während ich Manuskripte schreibe, aber ich habe mir nie die Frage gestellt: Wann sind die eigentlich von wem wie erfunden wurden und warum? Aber das war mal ein Zahlzeichen. Und sowas dann zu hören. Oder wie ist der Staubsauger entstanden? Auch mal so eine Geschichte.

00:45:32: Martin So ein bisschen Sendung mit der Maus für Erwachsene. Ganz genau.

00:45:35: Wolfgang Ganz genau.

00:45:37: Marko Das ist halt auch das Schöne: In der einen Woche kümmerst du dich um einen Philosophen, in der nächsten Woche um einen Schriftsteller und danach die Woche machst du den Reaktor, du muss den Fermi Reaktor erklären oder weiß der Himmel was? Und das ist natürlich schön.

00:45:49: Wolfgang Oder du erzählst Geschichten, die gar nicht stimmen. Eines meiner Lieblings Zeitzeichen ist gar nicht so alt: Die finnische Regierung dementiert die Landung auf dem Mond vom Kollegen Pfaff - ein unglaublich zu empfehlendes Zeitzeichen, wo er sich sogar die Mühe gemacht hat - ich weiß gar nicht wie, ich habe ihn nie gefragt, wie er es produziert hat. Er hat sozusagen eine Coverband der Gruppe Pink Floyd, die dann Finn Ployd heißt, erfunden und die dann Dark Side of the Moon auf Finnisch singt. Das ist großes Kino. Singen tatsächlich, singen tatsächlich auf Finnisch und das klingt so irre.

00:46:23: Martin Nun muss man dazu sagen: Das war zum Ersten April.

00:46:26: Wolfgang Genau solche Dinger laufen an einem 1. April und die sind so dick aufgetragen, dass eigentlich wirklich jeder merken müsste, die Geschichte kann nicht so ganz hinkommen. Aber es gibt da, glaube ich, immer wieder Hörer und Hörerinnen, Neudeutsch Hörende, die dann nachfragen: Hä? Finnland war auf dem Mond. Ja, ja, und das ist, das ist. Das ist die herrliche Mischung beim Zeitzeichen.

00:46:51: Martin Jetzt haben wir das große Loblied auf das Zeitzeichen gesungen und ich glaube auch zu Recht. Und die Frage ist natürlich: Jetzt geht alles Richtung digital. Wir machen auch hier einen Podcast, aber das Zeitzeichen ist ja auch noch erfolgreich im Digitalen. Das heißt, das Radio funktioniert. Das funktioniert seit 50 Jahren, aber jetzt seit einiger Zeit auch eben non-linear, wie man dazu sagt.

00:47:15: Wolfgang Ich habe mir extra nochmal die Zahlen mir angeguckt. Das Zeitzeichen ist in der ARD Audiothek im vergangenen Jahr 18.827.000 Mal abgerufen worden und es wird täglich von einer Viertelmillion Menschen noch linear gehört. Ich habe ja früher immer gedacht: Okay, das rufen dann irgendwelche Geschichtslehrer ab, um das vorzuspielen. Das scheint auch so zu stimmen. Aber es sind eben nicht nur Geschichtslehrer.

00:47:42: Marko So ist der Weg eigentlich für die nächsten 50 Jahre des Zeichens geebnet. Man sollte sagen: So wie die Zeichen jetzt stehen, sollte es die hoffentlich doch überleben. Und man muss sagen, dass wir diesen Podcast machen liegt ja nicht darin, dass wir das Zeitzeichen irgendwie nicht ausreichend finden. Aber alle 14 Tage wollen wir hier über einzelne Zeitzeichen sprechen. Heute Wolfgang Meyer 50 Jahre Zeitzeichen, damit wir vielleicht ein bisschen länger und vielleicht ein bisschen mehr noch über das Zeitzeichen, über diese Zeitzeichen, über die Machart dieser Zeitzeichen, aber auch vielleicht über die Hintergründe erfahren.

00:48:15: Wolfgang 2072 sitzen wir dann hier und machen das 100 Jahre Zeitzeichen.

00:48:20: Martin Wir sind doch alle rüstig...

00:48:24: Wolfgang Eins noch - Zeitzeichen - woher kommt der Name? Wisst ihr das eigentlich? Habt ihr euch da mal drüber Gedanken gemacht?

00:48:28: Martin Ich nehme mal an das alte Radiosignale oder irgendwie sowas.

00:48:33: Marko Also ich meine dieses Intro war ja immer...

00:48:33: Wolfgang Tötötötötöööt Lang, lang, kurz - sonst wie was. Und das ist gemorst. Und das heißt "Zeitzeichen" gemorst...

00:48:43: Marko Aber früher gab es auch ein Zeitzeichen übers Radio, da macht es Pieps. Man wusste ja okay, es ist Mitternacht

00:48:49: Wolfgang Und das eigentliche Zeitzeichen ist sogar - hat mir auch mal der Ruppel erzählt - dass es älter ist als Radio. Ds ist nämlich von 1917. Da hat man damals diese was wir heute alle kennen von unseren Funk-Uhren so die Vorläufer, da wurden eben Zeitzeichen-Signale gesendet, damit wir alle wissen wann 12 Uhr ist. So also das Zeitzeichen gibt es länger als das Radio, aber unser Radio Zeitzeichen ist eben 50 erst so gesehen.

00:49:11: Martin Wir haben heute auf jeden Fall über das Zeitzeichen gesprochen und zwar mit einem Autoren des Zeitzeichens zwei oder drei, also drei solchen Autoren sprechen mit einem Zeitzeichen Autoren über das Zeitzeichen. Das haben wir jetzt gerade gemacht. Vielen Dank.

00:49:26: Wolfgang ...gerne...

00:49:27: Martin Wolfgang Maier...

00:49:28: Marko Wenn's euch da draußen gefallen hat, dann sagt es euren Freunden und Bekannten...

00:49:34: Martin Und wenn es euch nicht gefallen hat, dann sagt es bitte uns, und zwar nur uns. Das könnt ihr tun unter www.diegeschichtsmacher.de und wir hören uns wieder beim nächsten Geschichtsmacher-Podcast.

00:49:48: Alle zusammen Tschüss, tschüss, tschüss.

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